Was ist Reverse-Mentoring?

Reverse-Mentoring

8. Juli 2021

Oder Mentoring als Einbahnstraße?!

Klassischer Weise haben wir bei Mentoring folgendes Bild im Kopf: Der Mentor ist der Senior, der Mentee ist der Junior. Verständlich, wenn wir uns vor Augen führen, dass Zweck des Mentorings per Definition die Weitergabe von Erfahrungswissens an eine andere Person ist. Und Erfahrungen sammelt man mit den Jahren.

Definition von Reverse-Mentoring

Bringt der Senior ein konkretes Lernziel in die Mentoring-Beziehung ein, spricht man gerne von „Reverse-Mentoring“. Also ein Mentoring, das andersherum funktioniert. Dabei gibt zwei mögliche Konstellationen:

  1. Nur der Mentor hat eine definierte Zielsetzung
  2. Sowohl Mentor als auch Mentee haben eine definierte Zielsetzung

Als Ziel für den Mentor steht der Aufbau von Social Media Kompetenzen oder das Verständnis der Generation Z oftmals ganz oben auf der Liste.

Ein schönes Beispiel für ein Reverse-Mentoring der ersten Kategorie kursiert derzeit in der bekannten Business-Plattform Linked-In. Bekannte Manager suchen hier junge Menschen, die Ihnen neue Perspektive eröffnen. Insgesamt sieben erfahrene Geschäftsleute haben dazu aufgerufen, einen jungen Menschen an der Schwelle zur Berufstätigkeit als persönlichen Mentor zu finden.

Hierunter zählen neben Barbara Wittmann aus der Führungsriege von LinkedIn sowohl Alexander Kühnen, der CEO des bekannten Lebensmittelproduzenten Carl Kühne KG über Dr. Anna Weber, Geschäftsführerin bei Babyone bis hin zu Nils Glagau, der einem breiten Publikum als Investor aus der Höhle der Löwen bekannt ist. Die Podcast-Chefin von Spotify Saruul Krause-Jentsch, der CEO von ROSE Bikes Marcus Diekmann und der Unternehmer Michael Trautmann sind auch mit am Start. Ganz schön hochkarätig besetzt also.

Das Ziel: Inspiration, Verständnis über diese junge Generation, ein Zeichen setzen für lebenslanges Lernen. Und grundsätzlich wollen die Mentoren, die sich selbst als Mentees bezeichnen, das mit dem Social Media auch mal richtig verstehen.

Gibt es eigentlich Kein-Reverse-Mentoring?

Auch wenn in diesem Fall das Lernziel der erfahrenen Unternehmer sehr klar im Vordergrund steht, stellen wir uns mal für einen Moment vor, wie diese Treffen im Tandem ablaufen werden. Es ist kaum davon auszugehen, dass ein Nils Glagau nicht auch seinem Tandem-Partner:in wertvolle Einblicke ermöglicht und so die Entwicklung seines „Mentor:in“ nachhaltig prägen wird.

Wir kennen das auch als Reziprozitätsprinzip. Ich bekomme Unterstützung, ich gebe etwas zurück. Daher ist auch davon auszugehen, dass Menschen mit hoher Seniorität selbstverständlich auch Ihre Tandem-Partner von Ihrem Erfahrungsschatz profitieren lassen. So wird das Reverse-Mentoring aus Kategorie 1 ganz schnell ein Reverse-Mentoring aus Kategorie 2 – Mentor und Mentee haben gleichermaßen eine Zielsetzung und entwickeln sich durch den Austausch weiter.

Doch auch im klassischen Mentoring kommt das Reziprozitätsprinzip zum Tragen. Denn damit Menschen überhaupt irgendetwas tun, benötigt es eines: Motivation. Vom lateinischen motivare – z.dt. bewegen – ist damit wortwörtlich das gemeint, was uns in Bewegung bringt. Was uns zu Handlungen und Entscheidungen veranlasst. Damit steckt auch hinter jeder Entscheidung, sich als Mentor zu engagieren eine Motivation bzw. ein Motiv.

Fragt man Mentoren, was sie denn genau zur Teilnahme an einem Mentoring motiviert , lassen sich die Antworten grob in drei Kategorien einteilen:

1. Die eigenen Führungsfertigkeiten verbessern

Die Königsdisziplin in der Führung ist die Führung ohne Weisungsbefugnis. Wenn mir also andere folgen, ohne dass sie hierfür bezahlt werden. Hier bietet Mentoring eine gute Gelegenheit, genau dies auf den Prüfstand zu stellen. Durch den Austausch mit seinem Mentee kann der Mentor auch sein eigenes Führungsverhalten reflektieren. Er bekommt ungefiltertes Feedback zu den Vorgehensweisen, die er als sinnvoll erachtet durch die Reflektion des Mentees. Um so höher man in der Hierarchie aufgestiegen ist, umso schwerer ist dieses immer noch zu bekommen. Also ein echter Mehrwert für den Mentor.

2. Aus dem Austausch Inspiration bekommen

Hier sind wir schon sehr nah an der Zielsetzung der Beispiele für Reverse-Mentoring. Der Austausch über Generationen hinweg bringt Mentoren an den Puls der Zeit der nachfolgenden Generation. Das Verständnis von Menschen, die nicht der eigenen Peer-Group, dem eigenen Umfeld, angehören ist immer noch ein starker Erfolgsfaktor. Egal ob es um Führung, Change-Management oder Marketing geht. Auch ist natürlich ein Mentee von heute ein Netzwerk-Kontakt von morgen.

3. Etwas zurückgeben

Wer selbst einen Mentor in seinem Leben hatte, hat oftmals das Bedürfnis, diese Unterstützung an andere weiter zu geben. Letztendlich macht es glücklich, echte Verbindungen zu anderen Menschen aufzubauen und diese wachsen zu sehen. Wenn man hier sogar noch einen Teil zu beitragen wird ein Mentoring zur Quelle für Genugtuung, Glück und Freude. Wenn das eigene Glück keine gute Motivation ist, was dann?

Wir sehen also: in einer erfolgreichen Mentoring-Beziehung empfinden beide Tandempartner die Beziehung als wertvoll. Für die eingesetzte Zeit, kommt etwas Gutes für beide Beteiligten zurück. Dabei ist die Motivation der Mentoren natürlich meistens eine Mischung aus den oben genannten Punkten. Wichtig ist, dass sich Mentoren über Ihre eigene Motivation bewusst sind. So können Erwartungen an den Mentee auch offen formuliert werden und auch der Mentor findet, was er sucht.

Von einer offen kommunizierten Motivation zu einem kommunizierten Ziel ist der Weg nicht mehr weit. Ob ich sage: „Mich motiviert es, mich selbst und mein Führungsverhalten mit meinem Mentee zu reflektieren und die Welt meines Mentees besser zu verstehen“ hinzu „Ich möchte meine eigene Führungskompetenz herausfordern, daran wachsen und mein Verständnis der nachfolgenden Generation erhöhen“ – es bleibt im Grundsatz gleich.

So ist meiner Meinung nach das „Reverse“ im Mentoring mehr Marketing und Label. Mentoring sollte niemals eine Einbahnstraße sein und für beide Tandem-Partner einen Benefit bereit halten.

Wann Reverse-Mentoring Sinn macht

Dennoch ist es durchaus in einigen Situationen sinnvoll, das Label „Reverse“ zu nutzen. Insbesondere wenn der Mentor eine sehr hohe wahrgenommene Autorität besitzt. Denn das Autoritätsgefälle kann eine Hürde im Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Mentor und Mentee darstellen. Sie kann einen offenen und effektiven Austausch entgegenstehen.

Stellen Sie sich vor, Sie sind ansonsten eher zurückhaltend und Ihnen sitzt auf einmal ein Vorstandsmitglied als Mentor gegenüber, welches sie sonst nur aus den Medien kennen. Nervosität und schweißnasse Hände sind keine besonders guten Ratgeber, wenn Sie einen offenen und reflektieren Austausch über Ihre eigene Karriere-Entwicklung anstreben.

Da kann es die Dynamik in einer Tandem-Beziehung positiv beeinflussen, wenn der Lerneffekt des Seniors durch Reverse-Mentoring in den Fokus rückt. Es wird sehr schnell klar: Auch mein Gegenüber hat ja was davon.

Reverse-Mentoring eignet sich somit für Fälle, wenn die Autorität der Mentoren besonders groß erscheint. Die Reverse-Mentoring-Kampagne von Linked-In ist ein Beispiel für den Fall, dass die Mentoren durch Medien bekannt sind und/oder Unternehmen bekannter Marken führen.

Aber auch innerhalb von Unternehmen kann die gefühlte Kluft der Autorität besonders groß sein. Zum Beispiel wenn die Unternehmenskultur über Jahre sehr stark hierarchisch geprägt ist und ein abteilungsübergreifender Austausch in den letzten Jahren weder üblich noch gewollt war. Hier müssen neben Silos auch erst einmal angsteinflößende und negative Autoritätsbilder abgebaut werden, wofür die Vorsilbe „Reverse“ sich eignen kann. Auch wenn die Hierarchie mehr als zwei Ebenen übersteigt, kann das für einen Mentoring mit der Vorsilbe „Reverse“ sprechen.

Mentoring hilft, Organisationen fit für die Zukunft zu machen, denn es verbindet Menschen und entwickelt Kompetenzen. Damit es seine Kraft entfaltet ist die richtige Konzeption von entscheidender Bedeutung. Wenn Sie mehr wissen wollen, wie ein erfolgreiches Mentoring für Ihr Unternehmen aussehen kann, vereinbaren Sie einfach ein unverbindliches Gespräch. Ich freue mich auf den Austausch mit Ihnen!

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